Ein Stoma ist nicht unhygienisch.
Eigentlich sollte dieser Satz selbstverständlich sein. Trotzdem begegnen Menschen mit Stoma immer wieder Vorurteilen. Besonders dann, wenn der Stomabeutel sichtbar wird oder es um Situationen wie Schwimmbad, Sauna oder Strand geht.
Ein Grund dafür ist wahrscheinlich ziemlich simpel: Viele Menschen wissen überhaupt nicht, wie eine moderne Stomaversorgung funktioniert. Was man nicht kennt, kann verunsichern.
Problematisch wird es allerdings dann, wenn aus Unsicherheit Vorurteile entstehen und daraus echte Ausgrenzung entsteht.
Eine moderne Stomaversorgung ist dafür gemacht, Ausscheidungen sicher aufzufangen. Der Stomabeutel ist ein geschlossenes System. Bei einer korrekt sitzenden und intakten Versorgung tritt der Inhalt nicht einfach nach außen. Genau dafür wurde diese Versorgung entwickelt: damit Menschen mit einem Stoma ihren Alltag möglichst sicher und selbstständig leben können.
Trotzdem scheint allein der sichtbare Beutel bei manchen Menschen die Vorstellung auszulösen, ein Stoma sei automatisch unhygienisch. Das ist es nicht. Ein korrekt versorgtes Stoma stellt nicht plötzlich ein Hygieneproblem dar, nur weil der Beutel sichtbar ist. Besonders deutlich wird dieses Vorurteil beim Thema Schwimmen. Menschen mit Stoma können grundsätzlich schwimmen. Die Versorgung ist dafür ausgelegt, am Körper zu bleiben und auch mit Wasser in Kontakt zu kommen. Aus hygienischer Sicht gibt es deshalb keinen Grund, jemanden allein aufgrund eines Stomas vom Schwimmen auszuschließen.
Auch die Deutsche ILCO hat sich mit diesem Thema beschäftigt und darauf hingewiesen, dass sich Menschen mit Stoma hinsichtlich der Hygiene nicht negativ von anderen Badegästen unterscheiden. Und trotzdem erleben Betroffene immer wieder etwas anderes. Blicke. Getuschel. Kommentare. Und teilweise sogar Situationen, in denen ihnen der Zugang zu Schwimmbädern, Saunen oder anderen Einrichtungen verweigert wird.
Das ist kein theoretisches Problem. Solche Erfahrungen werden von Stomaträgerinnen und Stomaträgern tatsächlich berichtet – sogar aus Einrichtungen, in denen man eigentlich besonders viel Wissen über Erkrankungen und medizinische Versorgung erwarten würde.
Für viele Menschen ist Schwimmen einfach ein Hobby. Für Menschen, die durch Erkrankungen, Operationen und ein Stoma vielleicht schon viele Einschränkungen erlebt haben, kann es aber noch viel mehr bedeuten. Schwimmen kann ein Stück Freiheit sein. Ein Stück Normalität. Es kann Lebensqualität bedeuten, Bewegung ermöglichen und dabei helfen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Vor allem nach einer langen Krankheitsgeschichte ist es für manche ein wichtiger Moment, überhaupt wieder Dinge tun zu können, die vorher vielleicht lange nicht möglich waren.
Wenn Menschen aufgrund ihres Stomas davon ausgeschlossen werden, geht es deshalb um deutlich mehr als einen Nachmittag im Schwimmbad. Es geht um Teilhabe. Ein Stomabeutel ist eine medizinische Versorgung. Für den Menschen, der ihn trägt, gehört er zum eigenen Körper und zum täglichen Leben.
Ob jemand seinen Beutel bedecken möchte, beispielsweise mit einem Stoma Cover, mit Kleidung oder spezieller Badebekleidung (z.B. eine Schwimmbandage), sollte deshalb immer die eigene Entscheidung bleiben. Manche fühlen sich wohler, wenn die Versorgung bedeckt ist. Andere haben überhaupt kein Problem damit, ihren Stomabeutel sichtbar zu tragen. Beides ist vollkommen in Ordnung.
Problematisch wird es erst dann, wenn andere Menschen erwarten, dass ein Stomabeutel versteckt werden muss, damit sie sich nicht damit auseinandersetzen müssen. Das ist keine Rücksichtnahme gegenüber Stomaträgerinnen und Stomaträgern. Es bedeutet vielmehr, dass von ihnen verlangt wird, einen Teil ihres Körpers und ihrer medizinischen Versorgung unsichtbar zu machen.
Menschen mit Stoma müssen sich nicht dafür rechtfertigen, dass ihre Versorgung sichtbar ist. Sie müssen nicht um Erlaubnis bitten, schwimmen zu gehen. Und sie brauchen keine Sonderbehandlung. Was sie brauchen, ist etwas sehr viel Einfacheres: Akzeptanz und Wissen.
Denn viele Vorurteile entstehen dort, wo Informationen fehlen. Deshalb ist Aufklärung so wichtig. Dabei geht es nicht darum Menschen Angst vor einem Stoma zu machen oder zu provozieren, sondern vielmehr darum, Ängste abzubauen und verständlich zu machen, wie das Leben mit einem Stoma tatsächlich aussieht.
Ein Stoma ist kein Grund, jemanden vom Schwimmen oder von anderen Teilen des gesellschaftlichen Lebens auszuschließen. Je mehr Menschen wissen, wie eine Stomaversorgung funktioniert, desto weniger Raum bleibt für falsche Vorstellungen. Und vielleicht führt genau dieses Wissen irgendwann dazu, dass ein sichtbarer Stomabeutel nichts Besonderes mehr ist. Sondern einfach das, was er ist: eine medizinische Versorgung, die einem Menschen ermöglicht, sein Leben zu leben.
