Vor etwas mehr als sechs Jahren hatte ich während meiner Schwangerschaft eine Not-OP.
Wenn ich daran denke, fühlt sich das gleichzeitig weit weg und doch unglaublich nah an. Viel Zeit ist vergangen. Meine Tochter ist neugierig, wissbegierig und stellt jeden Tag unzählige Fragen. Manchmal schaue ich sie an und kann kaum glauben, wie knapp damals alles war.
Ich habe schon oft über diese Zeit geschrieben. Darüber, wie plötzlich alles eskalierte. Wie ich wochenlang im Krankenhaus lag. Wie niemand zunächst wusste, warum es mir immer schlechter ging. Und wie eine Operation letztendlich mir und meinem Kind das Leben gerettet hat.
Den Beitrag findet ihr hier:
https://www.stomalicious-blog.de/schwanger-mit-stoma-moegliche-komplikationen-und-operationen/
In den letzten Jahren haben mich immer wieder Frauen angeschrieben, die selbst mit Stoma schwanger werden wollten oder es bereits waren.
Die Fragen, die dabei aufgetaucht sind, ähnelten sich immer sehr. Die wichtigsten waren folgende:
- Was würdest du heute anders machen?
- Welche Informationen haben dir gefehlt?
- Was sollte ich unbedingt mit meinen Ärzten besprechen?
- Gab es etwas, das dir vorher niemand gesagt hat?
Ich habe lange über diese Fragen nachgedacht.
Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass meine Antworten immer wieder auf dieselben fünf Gedanken hinauslaufen.
Manche Dinge hätten meine Schwangerschaft nicht verändert, aber sie hätten mir Sicherheit gegeben. Sie hätten Gespräche erleichtert. Und vielleicht hätten sie manche Entscheidungen ein kleines Stück weniger beängstigend gemacht. Genau deshalb ist dieser Beitrag entstanden. Also let‘s go:
1. Über mögliche Komplikationen sprechen
Als ich schwanger wurde, ging es mir so gut wie lange nicht mehr. Mein Crohn war ruhig. Mein Stoma funktionierte. Mein Chirurg erklärte mir, dass Bauch und Stoma einfach mitwachsen würden.
Ich wusste, dass Schwangerschaften mit Stoma meistens gut verlaufen. Was ich nicht wusste, war, dass auch seltene Komplikationen auftreten können.
Heute finde ich, dass beides Platz haben darf:
Die beruhigende Information, dass die meisten Schwangerschaften völlig unkompliziert verlaufen.
Aber eben auch das Wissen darüber, welche Warnzeichen ernst genommen werden sollten und welche Komplikationen, so selten sie auch sind, auftreten können.
2. Gemeinsam einen Notfallplan erstellen
Vor einer Schwangerschaft spricht man über Medikamente, Blutwerte und Vorsorgeuntersuchungen.
Heute würde ich zusätzlich auch über den Ernstfall sprechen.
- Welche Komplikationen können auftreten?
- Was sind erste Anzeichen?
- Wie muss ich mich verhalten?
- Wann muss ich ins Krankenhaus und in welches?
- Welche Personen sollten einbezogen werden?
Ein Notfallplan bedeutet nicht, dass etwas passieren wird.
Er bedeutet einfach, dass man im Ernstfall nicht erst anfangen muss, Antworten zu suchen.
Allein dieses Gefühl hätte mir damals unglaublich viel Sicherheit gegeben.
3. Der eigenen Wahrnehmung vertrauen
Eines der vielen Male in der Notaufnahme wollte mich ein Arzt wieder nach Hause schicken. Obwohl ich Stuhl erbrach. Obwohl ich starke Schmerzen hatte. Obwohl ich schwanger war.
Ich musste diskutieren und darum kämpfen, aufgenommen zu werden.
Es gab Situationen, in denen ich wieder nach Hause gefahren wäre. Und im schlimmsten Fall einfach gestorben wäre.
Heute weiß ich:
Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, darf ich das ernst nehmen. Ich darf widersprechen und sagen, dass ich das Gefühl habe, etwas stimmt nicht.
4. Nicht automatisch vom eigenen Zustand auf den des ungeborenen Kindes schließen
Das war wahrscheinlich meine größte Angst.
Mir ging es körperlich immer schlechter. Ich bekam starke Schmerzmittel, wurde parenteral ernährt, lag auf der Intensivstation und wusste oft selbst nicht mehr, wie es weitergehen sollte. In meinem Kopf war nur ein Gedanke:
Bitte lass meinem Kind nichts passieren.
Heute weiß ich, dass der Zustand der Mutter und die Entwicklung des ungeborenen Kindes nicht immer dasselbe sind. Obwohl es mir so schlecht ging, entwickelte sich meine Tochter die ganze Zeit über sehr gut. Dieses Wissen hätte mir damals wahrscheinlich etwas von meiner Angst genommen.
5. Medizinische Maßnahmen nicht vorschnell infrage stellen
Propofol.
Starke Schmerzmittel.
Vollnarkose.
Eine Operation.
Das sind alles Dinge, die man sich in einer Schwangerschaft ganz sicher nicht wünscht. Ich hatte große Angst vor jeder einzelnen dieser Maßnahmen.
Heute sehe ich sie mit anderen Augen.
Sie waren notwendig.
Sie haben mir das Leben gerettet.
Und sie haben meiner Tochter die Möglichkeit gegeben, zu überleben und gesund zur Welt zu kommen.
Deshalb würde ich heute jede Entscheidung gemeinsam mit den behandelnden Ärzten abwägen und darauf vertrauen, dass manchmal genau die Behandlung, vor der man die größte Angst hat, die sicherste für Mutter und Kind sein kann.
Meine Geschichte zeigt, was passieren kann – nicht, was passieren muss
Mir ist wichtig, diesen Beitrag mit genau diesem Gedanken zu beenden.
Meine Geschichte ist keine typische Schwangerschaft mit Stoma.
Sie ist eine Ausnahme.
Die meisten Schwangerschaften verlaufen unkompliziert und genau das wünsche ich jeder Frau von Herzen.
Trotzdem glaube ich, dass Aufklärung wichtig ist. Komplikationen können dadurch nicht verhindert werden, natürlich nicht. Aber Wissen kann Sicherheit geben kann.
Weil man Fragen stellen kann und vorbereitet in Gespräche mit seinen Ärzten geht.
Und weil man Warnzeichen vielleicht schneller erkennt.
In den letzten Jahren haben mir zwei Frauen erzählt, dass sie durch meine Geschichte schneller die richtige Hilfe bekommen haben.
Allein dafür hat es sich gelohnt, darüber aufzuklären.
Und genau deshalb werde ich nicht müde sie zu erzählen.